Sollte die Kälte obsiegen

Die Bilder von Simon Pasieka haben etwas Unheimliches: Sie sind geräuschlos. Als würde ein Stern im fernen All explodieren und mangels Atmosphäre wäre nichts zu hören.

Es sind Bilder jenseits von Idylle und Utopie. Die Mädchen und Jungen, die die Gemälde bevölkern, erscheinen wie Klone. Sie sind nicht virtuell! Sie sind Verkörperungen einer Erinnerung, die es nicht mehr gibt. Sie müssen weder essen, noch scheissen, noch pissen. In Unkenntnis des Begehrens ist der liebvolle Umgang miteinander die Form einer entrückten, wie in Zeitlupe stattfindenden Kommunikation. Sie sind auch keine Zombies, denn sie haben den Tod hinter sich gelassen.

Sie spielen ein Ritual durch, das vom Zeltlager zur elegischen, gegenseitigen Erleuchtung führt.

Das Programm ist in irgendeiner Weise ferngesteuert. Deshalb sind die Bilder von Simon Pasieka nicht ungefährlich. Verändert sich das Programm, könnten diese Jugendlichen zu Biestern werden. Anmut und Lieblichkeit könnten sich in Eiseskälte wandeln.

Der Künstler ist ein Wolf im Schafspelz. Die Werke sind subversiv und naiv zugleich. Gemeint ist: Simon Pasieka verinnerlicht visionär einen Konflikt, den eine heutige Künstlergeneration präzis aufgespürt hat. Nämlich: Eine (potentielle) kritische Haltung wird nicht mehr im Sinne einer Dekonstruktion distanziert nach außen getragen, sondern wird als Widerspruch in der eigenen Körpererfahrung, mental und emotional erlebt. Ein Widerspruch, der nicht mehr antagonistischer, sondern zirkulärer Natur ist, somit die Bewusstseinsebenen unterwandert. Der Algorithmus, als die künstliche Fokussierung unseres Selbst, wird die Zukunft bestimmen, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel: „Wir haben noch nicht richtig begriffen, dass es um den Eintritt in eine neue Zivilisationsstufe geht.“

Man muss Simon Pasieka zwischen den Zeilen lesen. Wer in seinen Bildern eine „kitschige Haltung“ zu erkennen glaubt, verkennt die fundamentale Ambivalenz zwischen Wissen, Erfahrung und Handeln. Vor allem dann, wenn sich diese gegenseitig aufheben.

Die Alchemisten feiern im Gemälde „Gold“ die Herstellung des Goldes. Mit verklärten Gesichtern besingen sie den Erfolg. Aber wem dient das Gold? Welche Gier befriedigt es? Vielleicht ist es ein Kunstgriff des Künstlers, die Irrealität des Geschehens mit der Irrealität der Bild-Welt gleichzusetzen.

Da kniet ein junger Mann auf Brusthöhe über einem anderen jungen Mann und bemalt dessen Gesicht. Das Bild heißt „Malen“. Entsteht im Malvorgang dessen Porträt? Versucht der Maler sein alter ego malerisch zu erfassen? Malt er auf dem Gesicht des Mannes eine andere Person? Malt er sich selbst, weil er sich vergessen hat?

Die Bilder von Simon Pasieka sind, so meine ich, eine Falle. Aber eben keine gezielte! Sie entstehen aus einer existenziellen Spannung zwischen Heute und Morgen, zwischen Gestern und Übermorgen.

 

 

Jean-Christophe Ammann

 

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.9.11, Nr. 217